“Es lebe das heilige Deutschland!” – Wirklich?
Das geistige Klima im Zuge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ändert sich rapide. Und es fügt sich, dass dazu nicht nur ein neuer Präsident mit erheblichem Charisma in Washington im Oval Office sitzt, sondern auch aus Hollywood ein Film über die “Operation Walküre” zu uns kommt, der intensiv diskutiert wird.
In einigen Seiten im Internet wird Präsident Barak Obama als “Messias” bezeichnet, als jemand also, der Heil, der Erlösung bringt. Wenn man ein gewisses Maß an intellektueller Großzügigkeit besitzt, könnte man nach acht Jahren verheerender Bush-Administration, gekennzeichnet durch Lüge, Krieg, Folter, Auflösung der Rechtsstaatlichkeit und Geheimniskrämerei dafür sogar Verständnis aufbringen.
Und im besgaten Film ruft Claus Graf von Stauffenberg unmittelbar vor seiner Exekution “Es lebe das heilige Deutschland!”. Ob er es tatsächlich gesagt hat, ist m. W. nicht gesichert.
Unwillkürlich stellt man sich die Frage: Ist ein Präsident jemand, der Heil schaffen kann? Kann ein Land, Deutschland oder irgend ein anderes Land, heilig sein?
Nun steht es wirklich niemandem zu, eine Persönlichkeit vom Format eines Graf von Stauffenberg zu kritisieren, besonders deshalb nicht, weil er mit seinem Leben bezahlt hat, was er für richtig hielt und danach handelte. Darum geht es nicht. (Gerne würde man die großspurig geführten moralisch erhobenen Zeigefinger so manch arroganter und oberlehrerhafter Politiker und Journalisten testen können, ob sie in der gleichen Situation die gleiche moralische Kompetenz wie Graf von Stauffenberg besessen hätten. Mir kommen da Zweifel …)
Es geht um die offensichtliche, aber unterbewusst sich gerade wieder ausbreitende Tendenz, aus sehr schwierigen, politischen und ökonomischen Umständen heil herauszukommen, also “Heil” zu finden. Diese Tendenz deutet an, dass es viele Zeitgenossen gibt, die die gegenwärtige Lage als ausweglos wahrnehmen.
Aber: Was ist denn Heil? Heil wird gewährt, heilig ist Erwähltsein – von Gott. Wer heilig ist, den hat Gott in seinen Besitzstand erwählt. Das Heilige ist eben gerade nicht das, was in den Verfügungsraum des Menschen gehört, sondern was Gott allein als solches benennt. Es ist nicht der moralische Perfektionismus, nicht das erprobte Märtyrerschicksal, sondern es ist die gewährte Zusage Gottes, seinem Reich zuzugehören. Aktiv das Heilige gestalten kann kein Mensch, aktiv kann ein Mensch seine Zugehörigkeit zu Gott nur dadurch gestalten, dass er das Heilsangebot Gottes annimmt – mehr nicht. Heilig ist nie etwas, was Menschen aus sich entwerfen, heilig ist das, was Gott sein Eigen nennt.
So lässt sich auch die derzeitige Tendenz begreifen: Kein Präsident, auch der hochgejubelte Barak Obama nicht, kann Heil schaffen. Aber dennoch können er und seine Politik gesegnet wirken: Wenn er den Menschen dient, also ihr Wohl sucht und befördert, dann wird er zwar kein Heil, aber Frieden und Wohlstand schaffen.
Und auch die Überstilisierung der eigenen Nation ins Heilige ist unangemessen. Deutschland ist nicht heilig, keine Nation ist heilig, aber wenn Politik im Sinne der Erhebung der eigenen Nation zum Wohl der Menschen, die in ihr leben, eingestzt wird, dann kann eine Nation ein Ort des Glückes werden.
Das geschieht aber eben nicht in der Umsetzung selbstentworfenener politischer Heilsversprechen oder ideologischer Entwürfe, sondern in der gedanklichen, kulturellen, sprachlichen, praktisch-politischen Verwirklichung des zentralen Begriffs des Dienens, der auch das Leben Christi prägte (Mt 20,28): “So wie der Menschensohn nicht gekommen ist, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.” Und wenn Christus in Mt 23,11 sagt: “Der Größte unter euch soll euer Diener sein”, dann ist damit unmissverständlich der einzig gangbare Weg gewiesen, wie Menschen gedeihlich leben können – und wie Krisen zu meistern sind, auch die augenblickliche.
Dr. Matthias Dorn / © EANN – mit freundlicher Genehmigung

