Stellungnahme zur Frage der „Amalgamation“ von Mensch und Tier
26. Januar 2009
Ellen White’s umstrittene Aussage erschien erstmalig 1864 in der vierbändigen Ausgabe von Spiritual Gifts. Nach der Beschreibung einer Reihe von Sünden in der vorsintflutlichen Zeit, zu denen eheliche Verbindungen zwischen den Gerechten und Bösen, Götzendienst, Polygamie, Diebstahl und Mord gehörten, findet sich folgende Aussage: „Aber wenn es eine Sünde gab, die alle anderen noch übertraf und die Vernichtung der [menschlichen] Rasse durch die Flut erforderte, so war es das fundamentale Verbrechen der Vereinigung [engl. amalgamation] von Mensch und Tier, das das Ebenbild Gottes entstellte und überall Unordnung verursachte. Gott beabsichtigte, diese starke, langlebige Rasse, die ihre Wege vor ihm verdorben hatte, zu vernichten.“ (3:64)
Der zweite Hinweis auf die Kardinalsünde der amalgamation findet sich im nächsten Kapitel und beschäftigt sich mit der Vereinigung von Mensch und Tier, die sich nach der Sintflut ereignete: „Jede von Gott geschaffene Tierart wurde in der Arche erhalten. Die in Unordnung geratenen Arten, die Gott nicht geschaffen hatte und die das Ergebnis von Vermischung [amalgamation] waren, wurden durch die Flut vernichtet. Seit der Flut hat es [wieder] Vermischung von Mensch und Tier gegeben – wie an der fast unbegrenzten Vielfältigkeit von Tierarten und an bestimmten menschlichen Rassen gesehen werden kann.“ (Spiritual Gifts, Band 3, Seite 75)
Diese beiden Aussagen erschienen später auch im ersten Band von The Spirit of Prophecy (1870). In Patriarchs and Prophets (1890) waren sie allerdings schon nicht mehr enthalten. In der 1947 veröffentlichten Kompilation The Story of Redemption wurden diese Abschnitte ebenfalls weggelassen. Der Grund für die Streichung liegt in der Tatsache, dass diese Aussagen bezüglich einer Vereinigung von Mensch und Tier vom Zeitpunkt ihres ersten Erscheinens im Jahr 1864 an kontrovers diskutiert wurden.
Wichtig für die Frage, was Ellen White mit dem Ausdruck „amalgamation of man and beast“ gemeint hat, ist das Verständnis ihrer Zeitgenossen. Sowohl die Verteidiger als auch die Kritiker von Ellen White stimmten nämlich in der Auffassung überein, dass damit die geschlechtliche Vereinigung von Menschen mit Tieren gemeint war, also der Vorgang der Kreuzung zwischen ganz unterschiedlichen Arten. Uriah Smith, der damalige Herausgeber der Gemeindezeitschrift Advent Review and Sabbath Herald verfasste ein apologetisches Buch, um Kritik an Ellen White zu entkräften und ihre Schriften zu verteidigen. The Visions of Mrs. E. G. White: A Manifestation of Spiritual Gifts According to the Scriptures (1868) beschäftigt sich u. a. mit dem Problem der amalgamation und gibt eine Erklärung, die keinen Raum für Missverständnisse lässt: es geht in der Tat um geschlechtliche Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Dieses Buch war auch von James White sorgfältig gelesen und dessen weite Verbreitung von ihm ausdrücklich empfohlen worden. 2000 Exemplare dieser Schrift wurden vom Ehepaar White zur Verteilung bzw. zum Verkauf während der Campmeetings 1868 mitgenommen. Zu beachten ist auch die enge Zusammenarbeit zwischen Uriah Smith und W. C. White, dem Sohn von Ellen White, und D. E. Robinson, ihrem Sekretär. Hätte Smith die Aussagen über amalgamation falsch verstanden, wäre er sicher von Ellen White oder ihren engsten Vertrauten korrigiert worden.
In der Verteidigung der Aussagen Ellen Whites über amalgamation durch Uriah Smith spiegelt sich die damals populäre Vorstellung wider, dass manche der gegenwärtigen menschlichen Rassen von Individuen abstammen, die durch Kreuzung von Menschen und Tieren entstanden sind. Smith wagte es sogar, Beispiele zu nennen und erwähnte die Buschmänner Afrikas, Hottentotten, Neger und primitive Indianerstämme. Er war von der Existenz eines durch die Sünde entstandenen „Niemandslandes“ zwischen Menschen und Tierreich überzeugt, betrachtete diese Rassen aber dennoch als menschliche Wesen, soweit ihre geistigen Kapazitäten ausreichend entwickelt sind. Sowohl Uriah Smith als auch Ellen White waren – wie wir alle – auch Kinder ihrer Zeit und blieben von damals verbreiteten Auffassungen nicht unbeeinflusst. Heute ist die Vorstellung einer Entstehung neuer Lebensformen durch die geschlechtliche Vereinigung von Mensch und Tier nicht mehr aufrecht zu erhalten.
Vor etwa 80 Jahren begann der Versuch einer Uminterpretation der Aussagen über amalgamation durch George McCready Price durch die Einfügung des kleinen Wörtchens of: „Since the flood, there has been amalgamation of man and [of] beast …“ Auf diesem Weg suchte man die Entschärfung des Problems durch die Behauptung zweier parallel verlaufender Vorgänge: Vermischung (amalgamation) unter Menschen und unter Tieren. Diese Argumentation wird von manchen bis heute aufrechterhalten. Sie wird aber der Aussage(absicht) Ellen Whites sowie dem Verständnis der leitenden Brüder ihrer Zeit nicht gerecht. Es ist an der Zeit einzugestehen, dass Ellen White eine damals verbreitete Idee übernommen hat, die bereits 26 Jahre nach der Erstveröffentlichung mit gutem Grund aus ihren Büchern entfernt wurde. Propheten sind nicht unfehlbar. Sonst wäre der Aufruf zur Prüfung der Weissagung unnötig. Wertschätzung und wohlwollende Kritik schließen einander keineswegs aus.
Klaus Kästner, Pastor und Mitarbeiter im Arbeitskreis Bibelschule
Siehe auch: Propheten können irren – wirklich?






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