Friday, July 30, 2010

Unsinn ist eine Abart von Sinn – und nicht umgekehrt!

März 22, 2009 von ALT  
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matthiasdorn Unsere Gesellschaft hat sich seit langem an ein Denken gewöhnt, dessen Wesen und Konsequenzen wenig oder gar nicht bekannt sind: Wir vertauschen die Begriffe!

Wir genießen die Vorzüge einer im Wesentlichen frei organisierten Gesellschaft, können reisen, wohin auch immer wir wollen, pflegen den von uns bevorzugten Lebensstil und gestalten unser Lebensumfeld ausschließlich nach unseren eigenen Wünschen – unabhängig davon, ob diese Entwürfe richtig oder falsch, gut oder schlecht, förderlich oder abträglich sind. Dabei braucht man gar nicht an die Spaßgesellschaft zu denken. Dass diese oberflächlich und kein ernstzunehmender Ansatz war, wurde jedem klar, der nur etwas über die Hutkrempe hinausdachte.

Dieses hohe Maß an Freiheit kann aber nur zum Guten dienen, wenn deren edle Schwester, die Verantwortung, stets Begleiterin ist. Auch heute noch gelten Egoismus, Rücksichtslosigkeit und Ellbogenverhalten als schlecht.

Ich will machen, was ich will – doch woher weiß ich, was ich will? Die Ausprägung dessen, was meinen Wünschen und Vorstellungen entspricht, richtet sich zunächst nach meinen Kriterien – und damit sind sie schon legitimiert. Zu begründen ist nicht, ob dieses oder jenes gut oder nicht gut ist, sondern ich muss es überhaupt nicht begründen. Wenn ich es will, ist es ausreichend.

Und so wird die Grundstruktur unseres Denkens schleichend auf den Kopf gestellt, ohne dass wir uns dessen bewusst sind. Der in diesem gesellschaftlichen Grundkonsens begründete Überindividualismus lässt gar nicht zu, dass es gesellschaftlich verbindliche Werte geben kann. Wie auch? Aber was er erfordert, ist jetzt nicht mehr, dass das Schlechte beim Namen zu nennen oder gar zu entschuldigen wäre, vielmehr muss sich nunmehr das Gute erst begründen. Wer stört, tut es eben, selbst wenn er weiß, dass er stört. Aber diejenigen, die sich gestört fühlen, können nicht mehr auf die Rücksichtnahme des Störers hoffen, und wenn sie daran appellieren, kann es passieren, dass sie in die Enge getrieben werden.

Dahinter steckt das fatale Missverständnis: nämlich, dass Sinn nur eine Abart von Unsinn sei, und nicht, wie es eigentlich sein muss, Unsinn eine Abart von Sinn ist. Was sinnvoll, gut, wahr und schön – vor allem letzteres – ist, das ist das sich selbst Legitimierende. Wenn aber das Unsinnige, Nicht-Gute, das Nicht-Wahre und das Nicht-Schöne das Normale ist, dann zerbricht die Chance guter Erziehung und Ausbildung. Alle fachliche Qualifikation in Ehren, aber was nützt die Beherrschung der Technik, wenn ihre Anwendung im Design von Computerspielen der allerübelsten Sorte mündet? Und es sind die besten Programmierer, Designer und Grafiker, die da in Legionen arbeiten, das Grausame, Gewalttätige und Hässliche in ökonomisch veritable Erfolge umzusetzen. Gleiches gilt für die Medien und alle anderen Bereiche des Lebens.

Beeindruckend ist, dass Paulus im 1. Brief an die Tessalonicher (5,21) einen bestechenden Rat gibt, wie einer solchen, hier skizzierten Fehlentwicklung vorzubeugen ist: “Prüfet aber alles, und das Gute behaltet”. Wer prüft, ja sogar kritisch die Dinge betrachtet, der tut gut daran – aber er weiß das Gute zu erkennen. Wer aber das Gute als das Anomale sieht, der verliert sich im Beliebigen, im Unverbindlichen. Und ist es nicht genau das, wo wir heute in unserer Gesellschaft stehen?

Der leider viel zu früh verstorbene katholische Philosoph Reinhard Löw hat einmal gesagt: “Bevor Du Deine Interessen wahrnimmst, musst Du sie erst einmal ausgebildet haben!” Das wäre eine moderne Formulierung des paulinischen Ansatzes – den gilt es in Gesellschaft, Familie und Gemeinde wieder neu kräftig zur Ausprägung zu bringen.

Dr. Dr. Matthias Dorn

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