10. Februar 2012

Kommunikation statt Indoktrination – Jugend im Gespräch mit Kirchenleitern

Ein „historisches Ereignis“ sollte es werden, die offene Podiumsdiskussion zwischen Jugendlichen und Vertretern der Kirchenleitung der Siebenten-Tags-Adventisten. Was aus Sicht der jungen Teilnehmer des 2. Paneuropäischen Kongresses der Adventjugend ganz selbstverständlich zu einem gegenseitigen Vertrauensverhältnis gehört, gilt in den traditionsgeprägten Strukturen der Freikirche nach wie vor als unüblich. So gesehen darf das, was an diesem Freitagvormittag im Münchener ICM geschehen ist, durchaus als Meilenstein gesehen werden. Beeindruckt zeigte sich Pastor Albert Przykopanski, der seit 40 Jahren Konferenzen dieser Art beobachtet: „Das Gespräch hat mich innerlich sehr bewegt. Bisher wurden die Jugendlichen während solcher Kongresse auf adventistische Glaubensüberzeugungen eingeschworen. Heute haben die Leiter den Jugendlichen zugehört und sind auf ihre Fragen eingegangen. Ich bin wirklich gerührt.“

Acht Workshopleiter saßen acht Verantwortungsträgern der Siebenten-Tags-Adventisten gegenüber. Unter der Moderation von Mike Pearson (England) und Laurence Turner (Frankreich) entbrannte eine lebendige Diskussion, die sich im Wesentlichen um folgende Anliegen drehte: 1. Wie kann die Jugend verbindlich in die Gemeindearbeit eingebunden und bevollmächtigt werden? 2. Ist es möglich, dass die Kirchenleiter sich stärker von Visionen prägen lassen und die Verwaltungsarbeit Experten überlassen?

Die kritische Themenfülle ließ den Eindruck entstehen, dass sich die jungen Gemeindeglieder in ihren eigenen Gemeinden nicht mehr zuhause fühlten. „Wir müssen die Jugendlichen aufnehmen und integrieren, dann werden sie die Kirche lieben. Und sie müssen wissen, dass wir alle Gemeinde sind“, appellierte Baraka Muganda, Direktor für Jugenddienste der Weltkirchenleitung.

Führungsverantwortung wird von Jugendlichen meistens nur in der Jugendleitung und im Musikbereich ausgeübt. Hier ist die Kirche nach übereinstimmender Meinung der Diskutanten aufgefordert, sich zu verändern. Daraus folge zwangsläufig die Akzeptanz unterschiedlicher Gottesdienstformen und eine wachsende Kultur der gegenseitigen Wertschätzung. Der Leiter der Euro-Afrika-Region, Pastor Bruno Vertaillier ermutigte die jungen Gemeindeglieder eindringlich: „Ihr seid der Schlüssel! Gebt nicht auf! Gebt Jesus eure ganze Liebe! Lebt Gottes Liebe und lebt Akzeptanz!“

„Warum ist Veränderung so schwer? Welche prägnanten Veränderungen gab es in den letzten 30 Jahren in unserer Kirche?“ fragten die Moderatoren in die Runde. Die älteren Gesprächsteilnehmer resümierten radikale Veränderungen in der Musik, in der Gemeindekultur und in der Offenheit gegenüber unterschiedlichen Kulturen. Aber den jüngeren Teilnehmern schien das nicht ausreichend. Sie wünschen sich eine verbesserte Beziehung zwischen Kirchenleitung und Gemeindegliedern. Miki Jovanovic, Jugendpastor aus München meint die Gründe der Stagnation in der Kirche zu kennen: „Wir verändern uns nicht, weil wir nicht wissen, wohin wir uns verändern wollen.“ Veränderung müsse auch von den anderen akzeptiert werden. „Die Vision kann nur von der Kirchenleitung kommen und diese Vision darf nicht gestaltet werden, ohne die Bedürfnisse der Jugend aufgenommen zu haben“, so Pastor Jovanovic weiter.

Junge Adventisten scheinen bereit, mehr Verantwortung in ihrer Kirche zu übernehmen. Elsa Cozzi, Beauftragte für Kinderarbeit in der Euro-Afrika-Region entschuldigte sich im Namen der Freikirche dafür, dass über Jahrzehnte nur gelehrt wurde „Tu das, tu das und das – das ist adventistisch.“ Die Kirche könne sich verändern, ohne ihre adventistische Identität zu verlieren. Die Älteren seien dafür verantwortlich, die Jugend an die Gestaltung ihrer Kirche teilhaben zu lassen.

Die Frage der Moderatoren: Befinden wir uns vielleicht in einer Identitätskrise, die wir bewältigen müssen?

Die jugendlichen Vertreter fragten ihre Gesprächspartner sehr direkt: „Was tut die Leitung, um mehr Jugendliche und Frauen in Führungspositionen zu bringen? Welche konkreten Schritte sind da vorgesehen?“ Die leitenden Vertreter gaben sich offen. Kirchenleiter Vertaillier: „Liebe Frauen, wir schätzen euch. Bitte engagiert euch in unserer Kirche.“ Und Elsa Cozzi an das Plenum gewandt: „Seid nicht schüchtern, setzt euch ein, dann wird die Veränderung kommen.“ Auch die lokalen Kirchengemeinden sollten Frauen unterstützen, die zum Beispiel Pastorin werden möchten.

Veränderung könne von oben kommen, aber wirkliche Veränderung könne nur von der Basis ausgehen. Die Laienmitglieder wollen mithelfen und integriert werden aber „es könne nicht sein, dass die Verwaltungsebenen nicht informiert sind darüber, was in den Ortsgemeinden los ist.“ Pastor Eddie Hypolite, Motivationsredner und Führungstrainer der Freikirche in London, nimmt in England positive Entwicklungen bei den Siebenten-Tags-Adventisten wahr: „Die wirkliche Macht liegt bei den Ortsgemeinden. In England kamen die Impulse von den Gemeinden. Jetzt werden sie auf den Verwaltungsebenen sichtbar.“

Zum Ende der Gesprächsrunde wurden noch weitere Themen kurz angesprochen: Wie gehen wir mit Rassendiskriminierung um? Wie gehen wir mit an Andersgläubigen um? Was können wir von anderen Religionen lernen? Der erste Schritt liege bei jedem selbst, indem er anderen Menschen mit Liebe begegne und Vorurteile abbaue.

In der Podiumsdiskussion wurde deutlich, dass viele Jugendliche eine andere Art von Kirche wünschen. Das scheint für eine Kirche ein schwieriger Prozess zu sein. Die Moderatoren fassten zusammen: „Wenn wir eine neue Kultur wünschen, müssen wir auch Wege finden, mit den älteren Menschen in unseren Kirchen umzugehen. – Weiter müssen wir verbindliche Mechanismen vereinbaren, um den hier begonnen Dialog fortzusetzen. – Die Jugendlichen wollen nicht von außen kritisieren. Sie wollen die Zukunft ihrer Kirche sichern und mitgestalten.“

Die Gesprächsteilnehmer beschlossen eine „Münchener Erklärung“ zu veröffentlichen, in der die Ergebnisse der Diskussion nachhaltig dokumentiert werden.

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