Beraten mit Kontakt
Oktober 25, 2000 von Martin Haase
Gespeichert unter Literatur
Eva Renate Schmidt und Hans Georg Berg, Beraten mit Kontakt, Handbuch für Gemeinde- und Organisationsberatung, 488 Seiten, Burckhardthaus-Laetare Verlag, Offenbach/Main 1995
Die Autoren
Als Pfarrer und Pfarrein sind beide seit über zwanzig Jahren (gemeinsam) in der Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung tätig.
Das Anliegen
Das Handbuch ist ein Buch aus der Praxis für die Praxis der Gemeinde- und Organisationsberatung. Die einzelnen Kapitel sind in beliebiger Reihenfolge zu lesen. Das Buch ist gekennzeichnet von einer methodischen und organisatorischen Offenheit und Vielfalt. Es möchte den Kontakt zwischen Berater und Klientensystem als Erfahrung von Nähe und Distanz beschreiben, um gemeinsam Neues zur Entfaltung zu bringen.
Inhalt und Aufbau
Der Aufbau des Buches ist übersichtlich und klar gegliedert. Zu Beginn eines Abschnitts bekommt der Leser durch eine Feingliederung einen schnellen Überblick. Am Ende jeden Kapitels befindet sich ein Literaturhinweis. Das Buch hat eine ausführliche Literaturliste und ein Sachverzeichnis.
Das Handbuch gliedert sich in drei Hauptteile:
Kirche und Gemeindeberatung
Auf 31 Seiten werden Inhalte, Auftrag und Geschichte der Gemeindeberatung in der hessisch-nassauischen Kirche erläutert.
Gemeindeberatung soll die Gemeinden und die kirchlichen Teilsysteme dabei unterstützen, ihre Zeugnis- und Dienstfähigkeit zu entfalten. Ihr liegt kein einheitlich formuliertes Modell von Beratung einerseits und Gemeinde andererseits zu Grunde. Vielmehr soll sich im Prozess durchsetzen, was hilfreich und nützlich ist. Gemeindeberatung bedient sich system-theoretischer Modelle, die dem Klientensystem unterschiedliche Perspektiven und Deutungsmuster anbietet. Sechs Leistungsfelder bieten sich in der Beratung an: Konfliktmanagement lernen, Personalentwicklung anregen, Teamentwicklung fördern, Ziele und Prioritäten formulieren, Organisationsgestalt erneuern sowie Übergangs- und Sterbeprozesse begleiten. Von den BeraterInnen wird ein in die Person integriertes, durch Erfahrung und Reflexion gefiltertes Wissen und Können erwartet. Beratung kann den Heiligen Geist nicht ersetzen, eine schlechte Struktur aber kann das Wirken des Heiligen Geistes verhindern.
Beratung als Prozess
132 Seiten behandeln Grundlagen, Konzepte und Modelle der Beratung, Erstkontakt und Beratungsverträge, Möglichkeiten der Datensammlung und deren Feedback, Diagnose, Interventionsmethoden und die Auswertung des Beratungsprozesses.
Das Beratungsmodell orientiert sich an Kurt Lewin`s Feldtheorie, die Prozesse der Veränderung erläutern kann sowie an einem 7 Stufen Modell der Veränderungen nach Spencer/Adams. Ebenso wird erörtert, wie BeraterInnen mit den Grenzen in Organisationen umgehen können.
Zur Datenerhebung werden Interviews, Fragebögen, und Einschätzungsskalen vorgestellt. Die Autoren legen in jeder Phase des Prozesses großen Wert auf Feedback vom Klientensystem. Ausgangspunkt und Ziel des Beratungsprozesses ist es, die Wahrnehmungsfähigkeit des Klientensystems zu verbessern.
Die Deutung der gesammelten Daten orientiert sich am „Sechs Felder Modell” von Marvin Weisbord. Danach verdienen sechs zusammenhängende Funktionsaspekte der Organisation besondere Aufmerksamkeit: Ziele, Arbeitsstruktur, Beziehungen, Anerkennung, Technische Systeme und Leitung. Die Diagnose bezieht das formelle System (Was gesagt wird) und das informelle System (Was gedacht wird) ein. Ebenso wird die Bedeutung der Hauptamtlichen als „Schlüsselprofession” im System Kirche entfaltet. Die Rolle von schwierigen Personen im System wird aufgezeigt. Viele Konflikte, so die Autoren, werden durch die mangelnde Ausdifferenzierung zwischen Person und Organisation hervorgerufen. Werden schwierige Personen vom System her verstanden, dann werden Probleme fruchtbar.
Der Schritt von der Diagnose zur gezielten Interventionen wird durch ein Schichtenmodell zur Bearbeitung von Konflikten erläutert. Dabei werden die Probleme in folgender Reihenfolge bearbeitet: Arbeitsorganisation, Rollen, Verhalten, Werte und Normen und Persönlichkeitsprofil.
Hinweise zur (Zwischen) Auswertung des Beratungsprozesses im Sinn der Effizienzkontrolle und zum Follow-up Prozess runden das 2. Kapitel ab.
Einzelthemen
Auf 214 Seiten werden 9 Themenbereiche aus der Beratungspraxis aufgegriffen. Die Kapitel gliedern sich in grundsätzliche Aussagen/Reflexionen sowie vielseitige praktische Übungen, Fragebögen und sonstige Hilfsmittel.
Perspektiven entwickeln, das meint Visionen entwickeln, Ziele setzen und verwirklichen (Projektplanung) sowie ehrenamtliche und hauptamtliche Mitarbeiter motivieren.
Sich in der Zeit organisieren, das meint von fremdbestimmter zu selbstbestimmter Zeit zu kommen. Dazu gehört der Mut, Aufgaben zu eliminieren, zu delegieren, zu terminieren, zu rationalisieren und richtig zu erledigen.
In Gruppen arbeiten und Teams entwickeln, das meint Gruppenprozesse und Entscheidungsprozesse verstehen, und die Teamentwicklung zu steuern. Auswertungsskalen und Fragebögen geben dazu praktische Hilfestellungen.
Konflikte verstehen und regeln, das meint in den Fällen, in denen „unvereinbare Aktivitäten gleichzeitig antreten” eine produktive Entwicklung in Gang zusetzen. Konfliktmanagement wird als Regelung, Prävention und Stimulierung von Konflikten aufgefasst.
Macht und Geld einsetzen, das meint Macht als Ungleichgewicht der Einflussbeziehungen zwischen Menschen oder Subsystemen –als eine Beziehungsgröße zu erkennen.
Wechselfälle verarbeiten, das meint Lebensprozesse und Aktivitäten bewusst zum Abschluss zu bringen, um wieder neu beginnen zu können.
Organisationsstrukturen verstehen, das meint die soziale Lebenswelt zu entdecken, in der die Menschen in der Organisation leben. Änderungsvorhaben gelingen in dem Maße, wie sie von der „Kultur” gestützt und getragen werden.
Frauen und Männer in der Organisation Kirche, das meint Gleichheit von Männern und Frauen in der Gemeinde ohne Angleichung, damit Männer und Frauen ihre ihnen eigenen geschlechtsspezifischen Erfahrungen einbringen können.
Leiten lernen, das meint eine Organisation steuern: nach außen als Sicherung des Systems gegenüber der Umwelt und nach innen die Koordination der Arbeiten und Menschen, die dem Organisationsziel (Effektivität und Humanität) dienen. Die Leitungsaufgabe bewegt sich stärker von dem Managementkonzept ( fachlich/administrativ) zum Persönlichkeitskonzept (sozial/kommunikativ). Der Führungsstil bewegt sich zum situativen Leitungsstil.
Stellungnahme
Das Buch ist eine gut gegliederte und fachlich fundierte Studien- und Arbeitsgrundlage für Leitungskräfte und Berater in kirchlichen Einrichtungen. Besonders gut hat mir die Übersichtlichkeit in Form und Inhalt gefallen. Die theoretischen Grundlagen werden auf den Punkt gebracht und in einen direkten Bezug zur kirchlichen Praxis gestellt. Durch die Literaturhinweise kann dem Bedürfnis nach mehr Informationen gezielt nachgegangen werden. Ich kann mir gut vorstellen, aus den Arbeitsmitteln (Fragebögen, Übungen etc.) genügend Anregungen für die Praxis zu erhalten. Neben dem inhaltlich guten Aufbau ist der Einfluss der „Gestalttherapie” wohltuend zu spüren. So werden Verstand, Gefühl und Körper (bereits beim Lesen) gleichermaßen angesprochen. Den Autoren ist es gelungen, eine methodische und organisatorische Offenheit und Vielfalt zu beschreiben. Sie machen Mut, Neues zur Entfaltung zu bringen.
Klaus-J. van Treeck, Bremen 25.10.00

