10. Februar 2012

Rezension: Evolution und Schöpfung in neuer Sicht (Hans Kessler)

Muss ein Christ zwangsläufig eine Erschaffung der Welt in sieben mal 24 Stunden glauben? Und muss ein Vertreter der Evolutionstheorie zwangsläufig ein Schöpfungshandeln ausschließen? Wo diese Fragen mit Ja beantwortet werden, geraten Schöpfung und Evolution in einen Konflikt, bei dem beide Ansichten sich gegenseitig ihre Daseinsberechtigung absprechen. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma?

Von Dietmar Päschel

Hans Kessler analysiert genau, was Schöpfung und Evolution eigentlich meinen, und präsentiert eine spannende und gründliche Untersuchung der biblischen Schöpfungstexte. Er entfaltet, dass Schöpfung nicht einen bloßen Anfangspunkt der Welt bedeutet. Die Schöpfungstexte protokollieren nicht einen ersten Anstoß, nach dem das Weltgeschehen wie ein Uhrwerk abläuft. Für Kessler erzählen die Schöpfungstexte vom Wesen der Welt. Die Welt ist Gottes geschaffener Freiraum für seine Geschöpfe. In dem Freiraum können sie sich entfalten und ihre Kreativität umsetzen. Die biblische Wendung „Die Erde bringe hervor“ ist ein Schlüsseltext dafür, dass die Schöpfung selbst an der Gestaltung des Lebens beteiligt ist. Gott entlässt in die Freiheit und begleitet fortwährend seine Geschöpfe, er lockt und wirbt um sie. So bieten die Schöpfungstexte eine Antwort darauf, woher der Mensch kommt und worin seine Bestimmung liegt. Schöpfungsglaube verweist auf den Sinn des Lebens. Das ist eine Tiefe, die ein rein naturwissenschaftliches Weltbild nicht erreichen kann. Die Schöpfungstexte bieten eine tiefe Daseinsdeutung, die nicht mit einer Naturkundelehre verwechselt werden darf.

Aufgabe der Naturwissenschaften ist es demgegenüber, die gesetzmäßigen Abläufe der Natur zu untersuchen. Dabei müssen Naturwissenschaften notwendigerweise immer von einem Zustand ausgehen, der schon da war, bevor ein Prozess begonnen hat. Naturwissenschaften beschreiben Kausalzusammenhänge. Nur durch diese strenge Methodik ist ihnen ein scharfer Blick in die Struktur der Welt möglich. Das darf aber nicht zu der Annahme führen, dass es nicht auch jene andere Wirklichkeit gibt, die nur im Glauben zugänglich ist. Die Naturwissenschaften allein können nicht beantworten, was der eigentliche Grund für alles Leben ist, warum der Mensch mit seinen Fragen auf der Bühne der Welt ist, warum er Freude und Schmerz empfindet und warum er über sich hinaus fragt und nach dem sucht, was hinter der Welt ist. Kessler gelangt zu dem Schluss, dass es vernünftige Gründe für einen Glauben an den Schöpfer gibt.

Um dem Geheimnis der Welt auf die Spur zu kommen, reicht es nicht aus, sich allein auf die Naturwissenschaften zu stützen. Zugleich vermag der Schöpfungsglaube jedoch auch nicht die inneren Zusammenhänge und Prozesse der Natur zu erklären. Deshalb dürfen weder Schöpfung noch Evolution beanspruchen, allein die ganze Wirklichkeit zu deuten. Ein Gesamtbild ergibt sich dort, wo Naturwissenschaften und Schöpfungsglaube integriert werden.

Für den, der sich mit dem Verhältnis von Schöpfung und Evolution auseinandersetzt, empfiehlt sich Kesslers Buch als ein unverzichtbares Standardwerk.

Hans Kessler: Evolution und Schöpfung in neuer Sicht, Butzon & Bercker 2010 (3. Aufl.), 221 Seiten, ISBN 978-3-7666-1287-8, 17,90 €.

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