10. Februar 2012

Der Mensch – Plan Gottes oder (dummer) Zufall?

Von Ulrich Lüke

Manchmal fühlt man sich am Beginn des 21. Jahrhunderts ans Ende des 19. Jahrhundert zurückversetzt. Zur Zeit tobt nämlich ein Kampf wie damals, ein Kampf um die Deutungshoheit über diese Welt. Aber nicht eine solide begründete Evolutionstheorie und eine gründlich durchdachte Schöpfungstheologie sind hier die Gegner, sondern Evolutionisten einer- und Kreationisten andererseits.

Die Heilige Schrift der Juden und Christen bietet in ihrem ersten Buch, in Genesis, direkt nebeneinander zwei ganz unterschiedliche Texte, den Schöpfungshymnus, also das „Siebentagewerk“ (Priesterschrift, Gen 1,1 -2,4a) und den Schöpfungsmythos, die „Adam und Eva-Erzählung“ (Jahwist, Gen 2, 4b ff.). Betrachtet man die beiden Erzählungen als Berichte über einen kosmos- bzw. naturgeschichtlich realen Vorgang, dann kommt man nicht umhin, festzustellen: Diese beiden Erzählungen sind unvereinbar miteinander. [1]

Dass den biblischen Autoren dieser „Widerspruch“ nicht aufgefallen sein sollte, ist gänzlich unwahrscheinlich. Ganz offensichtlich hatten sie noch einen anderen als nur den naturgeschichtlichen Interpretationshorizont.

Leider werden heute nicht nur in biblizistisch-fundamentalistischen Kreisen die beiden klar getrennten Texte nicht nur zusammengeschüttet, sondern auch noch als archaische Naturkunde und damit als Schein-Alternative zur naturwissenschaftlichen Rationalität präsentiert.

Die beiden in Rede stehenden Genesistexte sind aber keine primitive Naturkunde darüber, wie es zum Menschen kam, sondern eine tiefsinnige Urkunde darüber, was es mit dem Menschen auf sich hat.
Hermeneutische Ahnungslosigkeit oder Fahrlässigkeit ist aber nur die eine Hälfte des Konflikts. Die andere Hälfte hat mit weltanschaulichen Vorstellungen zu tun, die aus biologischen Fakten – und das angeblich ohne Gültigkeitseinbußen – abgeleitet werden.

Der große Molekularbiologe Jacques Monod hatte festgestellt, dass die Veränderungen am Erbgut, also die Mutation des Genotyps, durch den Zufall geregelt werde. Und weiter hatte er betont, dass es dann mit Notwendigkeit zu einer Auslese unter den Erscheinungstypen käme, also zu einer Selektion am Phänotyp. In seinem damals zum Kultbuch avancierten Werk „Zufall und Notwendigkeit“ zog er daraus folgende Quintessenz für die Deutung menschlicher Existenz: „Wenn er diese Botschaft in seiner vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss der Mensch endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rand des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“ [2]

Die Fraktion der Evolutionisten argumentiert so: Die Losnummer Mensch sei schlicht bei einer molekulargenetischen Lotterie entstanden, gewissermaßen im Mutationen-Glücksspiel der Evolution. Es sei daher unsinnig und abwegig, einen Sinn, einen Zweck, einen Plan dahinter zu vermuten. Denn der nachweisbare mutative Zufall zerstöre jeden Plan. Und die Selektion exekutiere nur blind, was die zufällige Mutation ihr zuspiele. Demnach wäre alles, und also auch der Mensch, nichts als planloser Zufall.

Die gegnerische Fraktion der Kreationisten argumentiert dagegen so: Leben sei derart hochkomplex, dass die Zeit von 5 Milliarden Erdenjahren um Zehnerpotenzen zu kurz sei, um ein derartiges Produkt per Zufall erstellen zu können.

Ebenso gut könne man annehmen, dass durch einen Hurrikan, der einen riesigen Schrottplatz durcheinanderwirble, zufällig eine Boeing 747 montiert werde, oder dass durch Mäuse, die hinreichend oft über eine Computertastatur liefen, zufällig Goethes Faust entstehe.

So wird leider von zwei Seiten, von Evolutionisten und Kreationisten der stets neu aufgelegte irrige Eindruck erweckt, Schöpfungstheologie und Evolutionstheorie seien prinzipiell unvereinbare konträre Theorien über die Welt. Am Zufall soll es sich demnach entscheiden, ob die Welt einem Plan Gottes oder einem – vielleicht sogar noch dummen – Zufall entstammt. Wenn Gott, dann kein Zufall – wenn Zufall, dann kein Gott?

Was aber ist genau der Zufall? Zumeist werden der objektive Zufall und der subjektive Zufall gegeneinander abgegrenzt. Der objektive oder quantenphysikalische Zufall macht es uns nach Auskunft der Physik unmöglich, eine kausale Erklärung dafür zu geben, warum z.B. dieses Uran-Atom x zerfällt und nicht das Atom y direkt daneben.

Der subjektive Zufall dagegen ermöglicht eine Kausalanalyse. Wenn gleichzeitig zehn meiner Studenten aus Aachen mit Goethes Farbenlehre unter dem Arm vor dem Richterfenster im Kölner Dom zusammentreffen, und zwar ohne dass sie sich abgesprochen oder eine Seminararbeit ihnen das aufgetragen hätte, das wäre der subjektive Zufall. Alle zehn hätten ein ganzes Sortiment von angebbaren persönlichen Gründen, die erklären, warum sie just in diesem Moment, just mit diesem Buch unter dem Arm, just an diesem Ort sind. Dass sie da sind, war im Vorhinein absolut nicht zu prognostizieren, ist aber im Nachhinein gut zu rekonstruieren. Das Zusammentreffen war also, so zufällig es auch aussieht, keinesfalls planlos.

Kann das sein, dass es einen Plan gibt und wir ihn nur nicht durchschauen? Ich glaube: ja!

Kein Vogel hat über die Gesetze der Aerodynamik nachgedacht, nachdenken können, als er sich via Mutation und Selektion an den Lebensraum Luft anpasste. Aber wir Menschen können die Gesetze der Aerodynamik aus seinem Körperbau und Verhalten ablesen. Kein Fisch hat über die Gesetze der Hydrodynamik nachgedacht, nachdenken können, als er sich via Mutation und Selektion an die Verhältnisse im Lebensraum Wasser anpasste. Aber wir Menschen können sie aus seinem Körperbau und Verhalten ablesen.

Ohne dass die Klassen der Fische oder der Vögel es gewusst hätten oder wüssten, haben sie einen Bauplan von derartiger Präzision akkumuliert, dass aus ihm eben diese Gesetze für den Menschen herleitbar sind. Ob die Vögel und Fische im Verlauf ihrer Phylogenese, also im Verlauf ihrer Stammesgeschichte, je die Einsicht in den mit ihnen nahezu präzis realisierten Plan gewinnen, ist zumindest fraglich.

Erkennbar ist jedenfalls dies: Die Perfektionierung eines Trends zum im Nachhinein erkennbaren Plan ist völlig unabhängig vom Bewusstseinsstand des Lebewesens, das diesen Weg realisiert.

Menschen können beim Rückblick auf ihre individuelle Geschichte Pläne herauslesen oder hineinlesen. Ob sie auch für ihre Stammesgeschichte im Nachhinein und rückblickend auf einen Plan und ein zukünftiges Ziel hin extrapolieren können, lasse ich einmal offen. Nur einen solchen Gesamtplan mit waghalsiger Prognostik im Vorhinein zu behaupten oder auch mit einer ähnlich waghalsigen Prognostik im Vorhinein zu bestreiten, das erscheint eher vermessen als angemessen. Wir können bestenfalls auf Daten gestützte Vermutungen äußern und dann theistische oder atheistische oder auch agnostische Glaubensbekenntnisse formulieren.

Vielleicht erscheint sie ein wenig gewagt, gleichwohl will ich die folgende Frage nachschieben: Wie gerät der Mensch an (s)einen Gott? Es gibt keine menschliche Kultur auf dieser Erde, die nicht durch Artefakte und Verhaltensweisen für sich die Dimension des Religiösen erschlossen hätte. Ist dies aber bereits ein Hinweis auf diese umfassendere Realität? Nur wir Menschen, blind wie die Vögel für die Aerodynamik und blind wie die Fische für die Hydrodynamik, können noch nicht wahrnehmen, was in der Evolution religiös in uns und mit uns vorgeht und uns existentiell angeht? Vielleicht zieht der liebe Gott ja, wenn er inkognito bleiben möchte, den grauen Kittel an, den wir Menschen Zufall nennen.

Erreicht die Weltgeschichte, erreicht die Menschheitsgeschichte auf den Wegen des Zufalls ihr Ziel? Verfolgt sie auf den Wegen des Zufalls einen Plan?

Biologen interpretieren den Zufall als ein genetisches Explorationselement oder als genetisches Innovationselement. Auch wir machen uns den Zufall zunutze in unklaren Planungslagen. Über das zufallsgetränkte Brainstorming finden wir so einen Ausweg und konzipieren so einen Plan. Der Zufall ist also keineswegs nur ein Beleg für Planlosigkeit, er kann auch Teil des Plans selbst sein und ein Element im Prozess, ein Ziel zu erreichen.

Nehmen wir zur Veranschaulichung das Lottospiel. Aus der Tatsache, dass es beim Lotto den Zufall in der Lostrommel gibt, ist nicht zu schließen, dass das Ganze ein planloses Unternehmen ist. Im Gegenteil! Jeder Mitspieler verfolgt einen Plan, hat ganz sicher eine Bereicherungsabsicht. Das lässt er sich einen kleinen Einsatz kosten, mit dem er bei etwas Glück mehr gewinnt als er einsetzt und im extremen Glücksfall den Jackpot knackt. Der Zufall ist sogar notwendig in diesem Unternehmen; denn er liefert den Verteilungsmodus. Manchmal gewinnen die Lottospieler, aber einer gewinnt immer: Die Lottogesellschaft. Hier wird gerade mit Hilfe des Zufalls ein Plan ausgeführt.

Der Einschluss des Zufalls ist also mitnichten der Ausschluss von Plan. Und der Hinweis oder Nachweis, dass der subjektive Zufall in den vielfältigen mutativen Prozessen eine Rolle spielt, ist absolut kein Argument gegen einen umfassenden Planer und eine zielgerichtete Instanz.

Überdies ist bei aller Beurteilung von Plan oder Planlosigkeit dieses Kosmos der menschliche Beobachter stets nur Prozessteilnehmer, verfügt also – weil er nur eine Eintagsfliege in den schier unendlich erscheinenden Äonen und Räumen des Kosmos ist – über keinen umfassenden quasi-göttlichen Überblick.

Der Zufall, wo immer er im menschlichen Leben auftritt, bleibt deutungsbedürftig und deutungsoffen. Es kann sich um einen „blinden wahllosen Zufall“ handeln oder um einen „gelenkten absichtsvollen Zufall“. Wenn zwei Menschen, die einander gefunden haben, die teils kuriosen Zufälle registrieren und analysieren, die sie zusammengeführt haben, dann sagen sie manchmal: Dass wir uns trotz so vieler Zufälle und durch so viele Zufälle hindurch fanden, das kann kein blinder wahlloser Zufall sein, das muss ein gelenkter absichtsvoller Zufall sein. Aber das ist selbstverständlich kein Beweis, sondern nur eine Deutung.

Der 1961 bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben gekommene UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld schrieb immer wieder in sein Tagebuch „Numen semper adest.“ Ein Wink, ein Hinweis, ein Fingerzeig ist in allen zufälligen Ereignissen und Gegebenheiten unseres Lebens zu finden. Und er deutete all die Zufälle seines Lebens als einen Wink des Himmels, als einen Fingerzeig Gottes, selbst noch seinen vorausgeahnten Tod.

Blicken wir noch einmal zurück auf unsern Ausgangspunkt, auf die irritierende Alternative: Wo Gott, da kein Zufall! Oder: Wo Zufall, da kein Gott! Ich glaube, diese Alternative ist unsinnig und darum unhaltbar.

Mir scheint vielmehr, der Zufall ist keine „gottlose“ Alternative zur Annahme eines Schöpfers, sondern ein kreativer Teil der Schöpfung, oder genauer ein kreatives Element in einem naturwissenschaftlichen Denkmodell. Der Zufall kann Gott nicht widerlegen noch kann er ihn belegen. Der Zufall ist seinerseits selbst eine begründungs- und deutungsbedürftige Realität. Und seine Begründung und Deutung liegt in Gott, dem Schöpfer.

Man kann mit dem Zufall nicht den Schöpfer ausschließen, man muss den Zufall in die Schöpfung einschließen. Schöpfung, das ist Zufall inklusive.

Der Zufall ist für den Menschen allenfalls wahrscheinlichkeitstheoretisch zu dechiffrieren. Er bleibt für den Menschen ein Reservat des Nichtwissens. Wer immer dem Evolutionsprozess als Ganzem einen Sinn, einen Plan und ein Ziel oder das Gegenteil – also Sinnlosigkeit, Planlosigkeit und Ziellosigkeit – unterstellt, betreibt Metaphysik, aber nicht Naturwissenschaft. Metaphysik betreiben ist nicht verboten, sollte aber dem, der das tut, auch selber bewusst sein und anderen bewusst gemacht werden.

Eine naturwissenschaftliche Evolutionstheorie, die eines ihrer Elemente, z.B. den Zufall, oder sich selbst als Ganze metaphysiziert, meta-füsiliert sich selbst als Naturwissenschaft. Wenn die Naturwissenschaft die Fragen der Metaphysik erledigt, hat sie sich als Naturwissenschaft selbst erledigt.

Wenn materialistisch orientierte Evolutionisten und biblizistisch orientierte Kreationisten mit ihrer jeweils konträren Metaphysik den Anspruch erheben, die evolutionstheoretisch oder schöpfungstheologisch einzig richtigen Konsequenzen zu ziehen, dann kommt mir ein Bild vom Stabhochsprung in den Sinn. Die zu überquerende Latte liegt bei 6 Metern Höhe. Die kreationistisch und evolutionistisch orientierten Sportsleute springen bei drei Metern darunter her und meinen, sie hätten die Latte nicht gerissen.

Wer aber, von welchen metaphysischen Voraussetzungen auch immer, ernsthaft und selbstkritisch die Wahrheit sucht, der sucht, so glaube ich, im Letzten Gott, ob er es weiß und will oder nicht.


[1] Näheres vgl. Lüke, U.: Das Säugetier von Gottes Gnaden. – Evolution, Bewusstsein, Freiheit. Freiburg, 2. Aufl. 2007
[2] Monod, Jacques: Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie. München 3. Auflage 1977, S. 151


Vorstehendes Manuskript wurde freundlicherweise von Prof. Dr. theol. habil. Ulrich Lüke zur Verfügung gestellt. Ulrich Lüke ist deutscher Theologe und Biologe, Priester und Seelsorger. Er ist Professor für Systematische Theologie an der RWTH Aachen. In seinen Forschungsarbeiten setzt er sich insbesondere mit dem Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube auseinander.

Die Sendung vom 8.8.2010 ist auch als Podcast auf dradio.de zu hören.

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