Von Matthias Dorn
In der Diskussion um Schöpfung und / oder Evolution gibt es vielleicht kein Problem, in dem die Positionen so weit und so unüberbrückbar auseinander liegen wie bei der Frage nach der Zeit in der Erdgeschichte und ihrer Bemessung. Da sind auf der einen, der naturwissenschaftlichen Seite, die Milliarden an Jahren, die die Erde alt sein soll und die Millionen an Jahren, seit denen es Leben geben soll. Dann ist da auf der anderen, der biblisch-gläubigen Seite, die Botschaft einer jungen Erde mit vollständigem Leben von Beginn an.
Das evolutionistische Denken stützt sich, was im Rahmen seiner eigenen Grundlagen nur konsequent ist, auf die wiederholbare Überprüfbarkeit der physikalischen Messungen, das biblisch-gläubige Denken auf die Verlässlichkeit der von Gott offenbarten Wahrheit. Und wenn nun beiden Herangehensweisen, die Geschichte der Erde zu beschreiben, wirklichkeitsgestaltender Charakter zugesprochen wird, dann ist der Widerspruch unüberbrückbar.
Wir lassen jetzt alle Fragen, ob die jeweiligen Argumente stichhaltig sind, außer acht, das muss einer anderen Diskussion vorbehalten bleiben.Hier dreht es sich um die Funktionalisierung dieses Widerspruchs. Und diese Funktionalisierung ist heimtückisch, die Denkstruktur aber ist offensichtlich, oft genutzt und meist zum Missbrauch verführend.
Es geht ganz einfach: Man suche in einem Disput eine, vielleicht sogar randliche Position, erkläre diese als unabdingbar und fundamental und verabsolutiere sie, damit sie unangreifbar wird. Dann hat man genau das Kriterium, nach dem man sucht, um klar zu unterscheiden. Wer diese Position nicht teilt, der steht nicht richtig, ist eigentlich ein Abtrünniger und nur der Zustimmende, der sich ganz der absoluten Position Unterwerfende ist anerkannt, ist geachtet.
Und dann spielt noch ein anderes, stillschweigend unterstelltes Moment eine gewichtige Rolle: Dass die so gewonnene Position richtig, wahr und zutreffend ist, ist so selbstverständlich, dass es ein ungeheueres Sakrileg wäre, sie zu bezweifeln. Der Anspruch der Richtigkeit ist selbstverständlich.
Der Gipfel dieser Entwicklung ist dann die Zumessung der Heiligkeit zu dieser Position, etwa nach dem Motto: „Ich bin auf der Seite Gottes, ich vertrete hier Gottes Position“. Und wer es jetzt noch wagt, zu widersprechen, der häuft nun wirklich Sünde auf sich, der steht „auf der anderen Seite“ – der ist freigegeben zum rhetorischen Feuerbeschuss.
Übertrieben, überzeichnet, unangemessen? Darf man so über Diskutanten sprechen? Sind nicht die, die eine feste Meinung haben, eine klare und begrifflich präzise durcharbeitete Grundlegung ihres Glaubens besitzen, die, die zu beneiden sind? Sind nicht sie es, die sich nicht korrumpieren lassen vom Zeitgeist, der wandelnden intellektuellen Mode, der billigen Anpassung?
Wer sich nun das 24 Stunden Argument als Zeitzumessung für die sieben Tage in Genesis 1 zu eigen macht, der bezieht damit eine durchaus vertretbare Position, zumindest was die theologische Komponente der Gesamtfrage betrifft.
Stimmt das? Stimmt nicht!
In einem Kommentar zu meiner letzten Kolumne wurde zu Recht darauf verwiesen, dass die Tage im Laufe der Erdgeschichte länger wurden, was übrigens astrophysikalisch zwingend ist. Und, was wir nicht übersehen dürfen, die Definition dessen, was wir umgangssprachlich Tag nennen, ist mitnichten durch 24 Stunden hinreichend definiert. Wenn man überhaupt etwas Definitorisches anführen will, dann kann man allenfalls vom Tag im kalendarischen Verständnis sprechen.
Wer gewinnt etwas, wenn die Frage nach dem Tagesverständnis in Genesis 1 zur Entscheidungsfrage avanciert? Es gewinnen nur die „Radikalinskis“ etwas, diejenigen, die meinen, im Besitz der Rechtgläubigkeit zu sein. Sie befriedigen ihr Bedürfnis nach innerer Sicherheit, nach der unleugbaren Position. Sie suchen die Geborgenheit, unabhängig von aller Argumentation von sich behaupten zu dürfen, auf dem richtigen Weg zu sein. Und wer einen anderen Weg geht, der geht eben verkehrt.
Das aber ist eine gefährliche Entwicklung, denn wer sich einmal auf diese Denkstruktur eingelassen hat, der kann bald nur noch dann glauben, wenn er stets in der Radikalität sein „Heil“ sucht – er wird aber nur Unheil ernten und erleben, oft nicht nur an sich selbst, sondern an anderen, weil er eben dieses Unheil gerade über diese bringt.
Nein! Wir brauchen keine solch geartete Radikalität, sondern eine sich in Liebe und gewonnener Lebensqualität ausdrückende Frömmigkeit, die sogar leidenschaftlich für Gott und Christus streitet, aber nicht mit dem Schwert einer gnadenlosen Pseudo-Intellektualität. Wir brauchen eine geisterfüllte Begeisterung für die Herrlichkeit der Schöpfung, die ansteckend und nachahmenswert ist. Dann ringen wir niemanden mit Argumenten nieder, zwingen ihn in die Knie, sondern gewinnen Menschenherzen – für Christus, den Erlöser, und Gott, unseren Schöpfer! Das ist es!
Wie hat der kluge Apostel Paulus doch recht, wenn er den Korinthern in seinem 2. Brief schreibt (2. Kor. 3,6b): „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“




