[Stuttgart] Am 21. Mai fand in der Adventkirche Stuttgart Firnhaberstraße die 3. FACIT Veranstaltung mit Jean-Luc Rolland statt. Der Professor für Spiritualität und Geschichte der Faculté adventiste de théologie de Collonges hielt vier Vorträge zum Thema: Fundamentalismus, historisch und aktuell.
Der geübte Redner beleuchtete auf seine sehr ansprechende und sympathische Art die Entstehung des Begriffes im Nordamerikanischen Protestantismus, bei ähnlichen Tendenzen im Katholizismus. Obwohl die Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten von der damaligen fundamentalistischen Bewegung Anfang des 20. Jahrhunderts als eine unchristliche Religionsgemeinschaft angesehen wurde, suchten viele einflussreiche Gemeindeglieder die Annäherung.
Fundamentalistische Pamphlete wurden in nur leicht veränderter Form in adventistischen Broschüren abgedruckt und nicht wenige nahmen an fundamentalistischen Bibel-Konferenzen teil. Einige sahen die Bewegung als ein Eingreifen Gottes, welches die Freikirche stärken sollte.
Was aber ist ein Fundamentalist? Ein Veganer, Kreationist, der gerne alte Lieder singt und weder Alkohol noch Kaffee trinkt etc..? Nein, ein Fundamentalist ist laut Rolland nicht anhand solcher äußerlichen Merkmale einzuordnen.
Ein echter Fundamentalist verwechselt in erster Linie die Heilige Schrift mit den Kommentaren zur heiligen Schrift. Er setzt formulierte Glaubensüberzeugungen mit Gottes Wort gleich, obwohl diese in der Regel so nicht in der Bibel zu finden sind. Er unterscheidet nicht zwischen Zustimmung zu Glaubenspunkten und einer lebensverändernden Glaubensbeziehung zu Christus. Er erwartet von Religion, dass sie das Wissen steigert, aber nicht die eigene Haltung verändert. Einzelne Texte oder Kommentare bekommen einen deutlich höheren Stellenwert als die Gesamtheit der Bibel. Der Besitz der Wahrheit wird zum Selbstzweck. Das Bibelstudium dient nicht dazu, das Wesen Gottes näher zu beleuchten, sondern nur dem Wissenszuwachs. Menschliche Beziehungen reduzieren sich auf das Überprüfen des anderen, inwieweit er meinen Glaubenspunkten zustimmt oder möglicherweise künftig zustimmen wird. Es wird wesentlich wichtiger, Ideen zu verteidigen, als Menschen zu verteidigen.
Zur Frage nach der Ursache des Phänomens verwies Professor Rolland vor allem auf die Angst. Entstanden in Nordamerika in einer Zeit der Umwälzungen, der Welt-Wirtschaftskrise, der Weltkriege, Immigrationswellen und Urbanisation, schienen die Fundamentalisten Sicherheit und Stabilität zu bieten.
Die Veranstaltung war gut besucht und die Initiative-FACIT fühlt sich bestärkt darin, auch weiterhin in Baden-Württemberg für ein größeres Spektrum an theologischen Studientagen zu sorgen.
Die Initiative-FACIT (Für Adventistisch Christliche Identität und Toleranz)ist eine Gruppe engagierter Mitglieder der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten in Baden-Württemberg. (Marianne Faust)




