22. Februar 2012

Die Weltverschwörung. Ein Einblick in die dunkle Ideenwelt des Walter Veith

Die folgende Analyse von Ron Osborn wurde am 31. Oktober 2011 unter dem Titel „The Dark Fantasy World of Walter Veith“ auf der englischsprachigen Website spectrummagazine.org veröffentlicht. Nachfolgend eine leicht bearbeitete deutsche Übersetzung von EANN. *

Walter J. Veith - Foto: privat

Der Name Walter Veith mag vielen Lesern fremd sein, aber nach Veiths eigener Homepage ist er tausenden Menschen auf der ganzen Welt wohl bekannt. Laut WalterVeith.org sei er ein „weltweit renommierter Wissenschaftler, Autor und Dozent“, „sehr interessiert an den Tendenzen der Umweltzerstörung unseres Planeten“ und spreche „bei überfüllten Versammlungen auf der ganzen Welt über seine Entdeckungen auf den Gebieten Archäologie, Geschichte, biblische Prophetie, Geheimbünde und politische Intrigen.“

Was allerdings Veith genau als einen „weltbekannten Wissenschaftler“ und Autor qualifiziert, ist nur schwer aus den vier veröffentlichten Titeln zu erschließen, die unter seinem Namen beim Literatur-Versandhaus Amazon aufgeführt sind. Sein meistverkauftes Buch bei Amazon ist eine selbstpublizierte Arbeit aus dem Jahr 2002 mit über 500 Seiten und dem Titel „Truth Matters: Escaping the Labyrinth of Error“ („Wahrheitsfragen: Dem Labyrinth des Irrtums entkommen“), welches beim letzten Seitenaufruf noch keine Rezension erhalten hatte. Eine der umfangreichsten Online-Datenbanken von Rezensionen, JSTOR, enthält nicht eine einzige Rezension zu Veiths Namen – weder zu einem wissenschaftlichen Artikel noch sonst zu einer Veröffentlichung.
Kein Wunder, denn Veith zieht das gesprochene Wort dem geschriebenen Wort vor. Wer in die dunkle Ideenwelt des Walter Veith eintauchen möchte – ein Universum, das nahtlos Ernährungsberatung und traditionell-adventistische Apokalyptik mit Veiths eigentümlichen, surrealen und finsteren Verschwörungstheorien zusammenfügt – findet auf jedem Computer mit Internetverbindung eine Einstiegstür.

Veith ist ein südafrikanischer Siebenten-Tags-Adventist, wurde 1949 geboren und hatte eine Zeitlang einen Lehrstuhl für Zoologie an der University of the Western Cape inne. Einst war er, so erzählt er, ein überzeugter Atheist, der dann eine dramatische Bekehrung erlebte. Nun unterhält er ein eigenständiges Missionswerk „Amazing Discoveries“ („Erstaunliche Entdeckungen“) mit Sitz in British Columbia (Kanada). Eine deutsche Zweigstelle befindet sich in Eckental bei Nürnberg.

Sucht man bei Google nach Videos mit „Walter Veith“, findet man nahezu 6.000 Filme. Veiths meistbetrachtetes Video ist „Saddam Hussein Dead Since 1999“ („Saddam Hussein ist seit 1999 tot“). Seit der Veröffentlichung bei Youtube im Juni 2007 wurde es 250.000 mal angesehen. Der Videoclip ist ein zehnminütiger Ausschnitt aus dem fast zweistündigen Vortrag „A New World Order“ („Eine neue Weltordnung“). Das Video wurde 2004 verfasst und ist Teil der 36-teiligen DVD-Vortragsreihe „Total Onslaught“ („Totaler Angriff“), die Veith auf seiner Homepage für 260 Dollar verkauft. Kopien sind in Englisch, Spanisch und Russisch erhältlich.

In dem Vortrag bedient sich der Zoologe, der zu einem religiösen Unternehmer geworden ist, häufig plumper, aber wirkungsvoller Powerpoint-Bilder. Blitzschnell wechselt er die Grafiken und fesselt sein Publikum durch seine atemberaubende Geschwindigkeit, mit der er die teuflischen Kräfte enthüllen will, die hinter den täglichen Zeitungsschlagzeilen am Werk sind. Der „Totale Angriff“ von dämonischen Geistern vollziehe sich durch ihre menschlichen Diener. Fast alle weltweiten politischen und religiösen Führer sollen dazu gehören. Tatsächlich soll sich das gar nicht so sehr hinter den Zeitungsauschnitten verbergen, sondern schon bei oberflächlicher Betrachtung sichtbar sein – natürlich nur für diejenigen, die über das erforderliche Geheimwissen verfügen, um die Zeichen der Zeit entschlüsseln zu können. Veith analysiert keine Texte oder Bilder. Er lässt sie in einem gewichtigen Duktus und mit professoraler Herablassung auf sein Publikum niederprasseln, das sich einigermaßen verwirrt zeigt.

Veith präsentiert eine schlangenförmige Grafik auf einem verkehrt herum gehaltenen europäischen Personalausweis. „Was seht ihr?“ Veith verlangt nach einer Antwort und scrollt dabei mit seinem Cursor über das, was in den Augen eines unbedarften Betrachters nichts anderes zu sein scheint als ein abstraktes Muster. Die Frage ist natürlich rhetorisch, und Veith lässt keine Zeit für Vermutungen. „Wir sehen die Ziege von Mendes“, verkündet er. „Die Hörner sind etwas modifiziert, um dem Sitz der Erde eine andere Symbolik zu geben, aber die inneren Gesichtszüge von der Ziege sind noch sehr deutlich zu erkennen.“ Dann hebt Veith noch eine andere nebulöse Formengruppe auf dem Personalausweis hervor. „Was diese hier bedeuten“, sagt er mit verschlagener Stimme, „würde ich lieber nicht aussprechen.“ Es fällt einem wie Schuppen von den Augen. Die Formen sind bestimmt phallisch. Wie könnte jemand dabei an etwas anderes denken? Oder wie könnte man noch an etwas anderes denken, nachdem man der nicht ganz subtilen Unterstellung Veiths ausgesetzt war? Hier ist die Macht der Suggestion am Werk.

Doch es bleibt keine Zeit, weiter über die Ziege von Mendes nachzudenken. Oder warum es die Europäische Union für wichtig fände, diese satanische Symbolik auf die ansonsten betäubend langweiligen Dokumente einer modernen Staatsbürokratie zu platzieren. Veith ist längst auf der nächsten Folie, einem Bild des ehemaligen deutschen Bundeskanzlers Schröder. Er schüttelt geschäftsmäßig Helmut Kohl bei einem unbekannten Anlass und zu einem unbekannten Zeitpunkt die Hände. „Das ist ein Freimaurer-Handschlag“, sagt Veith, „ein sichtbares Zeichen, dass ein Freimaurer die Macht von einem anderen Freimaurer übernimmt.“ Es scheint, dass das teuflische Geheimnis an den Freimauerer-Handschlägen darin besteht, dass sie wie gewöhnliche Handschläge erscheinen – was natürlich die schlauste Tarnung wäre.

Schnell geht Veith weiter zu einer Reihe von Bildern. Zu sehen sind Bill Clinton und Wladimir Putin, wie sie bei einem Fototermin mit ihrem Zeigefinger auf andere politische Führer zeigen. Dies sei, informiert Veith das Publikum, auch eine Freimaurer-Geste, die er als „Fingerzeig“ einordnet. „Sie alle zeigen, dass sie Teil des gleichen Systems sind.“ Nächste Folie. Veith kommt in weniger als einer Minute von der angeblichen Ziege von Mendes über den angeblichen Freimaurerhandschlag Schröders und Clinton und Putins „Fingerzeig“-Freimaurerloge zu Russlands Variante des Doppeladler-Symbols – das die Verbundenheit zur Freimaurerei eindeutig darstellt. Dabei hat sein Vortrag erst begonnen. Dieses Tempo wird er die nächsten anderthalb Stunden beibehalten.

Veith, man muss es fast nicht sagen, ist in einer Welt der Phantasie und Mythen gefangen, die erheblich weniger Logik beinhaltet als ein Roman von Dan Brown, aber weitaus mehr Merkwürdigkeiten. Es gibt etwas Hypnotisierendes an seiner Darbietung. Wie kaum ein anderer versteht er es, apokalyptische Bedrohung mit einer geschmacklosen, aber bravourösen Show zu verbinden. Und es scheint, als wüsste er genau, was er da macht. Veith behauptet immer wieder in seinem Vortrag, dass er seinen Zuhörern nicht vorgebe, was sie glauben sollen, sondern dass er ihnen lediglich die „Fakten“ präsentiere. Sie sollen ausreichend informiert sein, um sich selbst ein Urteil erlauben zu können. Aber genau dieser Anspruch ist auch ein Teil seiner Show. Veith ist allem Anschein nach ein im religiösen Sinne vertrauenswürdiger Mensch, der sich seine eigene Marktnische zusammengeschustert hat. In seiner Marktnische bringt er leichtgläubige Zuhörer dahin, dass sie ihr eigenes kritisches Urteilsvermögen exakt so lange aussetzen, bis sie von ihm überzeugt wurden. So macht er sie glaubend, dass seine Sicht nicht nur komplett plausibel ist, sondern allem Anschein nach auch die vernünftigste.

Wer war verantwortlich für die Terroranschläge vom 11. September 2001? George W. Bush und die CIA. Wer brachte die Zwillingstürme zum Einsturz? Das waren nicht die Flugzeuge, sondern die CIA mit Hilfe von Sprengstoff, den sie zuvor in den beiden Gebäuden angebracht hatten. Was war das wirkliche Schicksal von Saddam Hussein? Er starb im Jahr 1999 – sein Doppelgänger wurde hingegen im Jahr 2003 erhängt. Was steckt wirklich hinter dem Islam? Es ist eine geheime Kreation der römisch-katholischen Kirche, vom Vatikan erfunden und im Nahen Osten installiert, um die letzten Reste des nicht-katholischen „wahren“ Christentums auszumerzen. „Sie spielen nur scheinbar das Spiel des Hegelschen Idealismus, These und Antithese“, erklärt Veith mit pseudo-philosophischem Tiefsinn, „hinter den Kulissen gehören sie allerdings alle zum gleichen Club.“

Der „Club“, ein Begriff, den Veith sehr oft in seinen Vorträgen verwendet, ist ein Synonym für Freimaurer und Papsttum gleichermaßen. Das Ausmaß der teuflischen Kontrolle, welche die katholische Kirche über das Weltgeschehen durch das unermüdliche Verschwören mit ihren Marionetten und Geheimgesellschaften ausübt, ist wirklich erstaunlich. Die Reihen der Illuminati, die heimlich und unermüdlich über Jahrhunderte hinweg auf das Ziel einer vom Rom gesteuerten Weltregierung hinarbeiten, ist lang: Karl Marx, Cecil Rhodes, Andrew Carnegie, Winston Churchill, J. Edgar Hoover, Henry Kissinger, Ronald Reagan, Shimon Peres, Yassir Arafat, beide George Bushs, Ted Kennedy, Alan Greenspan (er ist Teil der „Kommission der 300“ der Illuminaten), Hillary Clinton (die „6. Große Dame“ laut Veith), Jimmy Carter, Saddam Hussein, Richard Holbrooke (ein „33-Grad-Freimaurer“), Al Gore, Tony Blair und Nelson Mandela.

Veith diskutiert nicht die historischen Quellen für seine phantastischen Behauptungen. Er erklärt an einer Stelle in seinem Mahnruf über die größten Erfolge der Illuminaten einfach, dass die Informationen „auf einer Website“ zu finden seien. Die Adresse ist unten auf seiner Folie enthalten, allerdings ist die Schrift zu klein, um sie aus dem Video heraus lesen zu können.

Die große Ironie daran ist allerdings, dass Veith selbst zu den Gebildeten zählt. Aus der gewieften Verpackung und Vermarktung seiner mehr als einhundert Vorträge in mehreren Sprachen lässt sich schließen, dass er davon gut leben kann. Er richtet sich mit seinen Vorträgen an adventistische Kreise. Hier entfalten sie ihre Macht. Auch bei Facebook hat Veith seine Fanseite. Die fast 4.000 Fans scheinen mehrheitlich junge adventistische Erwachsene zu sein. Veiths Gefolgschaft frequentiert die jährlichen Konferenzen der „Generation of Youth for Christ“ („Generation einer Jugend für Christus“). Die Organisation kooperiert mit dem regelmäßig in Baden-Württemberg stattfindenden „Youth in Mission Congress“.
Veiths Publikum ist bereits gut vorbereitet auf seine Botschaft von der teuflischen katholischen Verschwörung. Seine unglaublichen Behauptungen über die Freimaurer und die politische Verschwörung hinter den weltpolitischen Ereignissen werden ohne Rückfragen von vielen Zuhörern akzeptiert. Die meisten seiner adventistischen Zuhörer sehen in seinen Vorträgen ein Thema angesprochen, das für sie keiner Rückfragen oder Revisionen bedarf.

Viele Adventisten sind erzogen worden, schon von Kind an ähnlich wie Veith zu denken. Für Veiths Verschwörungstheorien sind junge Adventisten besonders anfällig, weil es in ihrer Kirche üblich ist, die biblische Apokalyptik nach detailliertem und geheimem Wissen abzuklopfen, um auszuloten, wie sich Endzeitereignisse entfalten werden. Anschließend werden die neuesten Nachrichten durchkämmt und sollen als Bestätigung der „Zeichen der Zeit“ herhalten. Manche erlangen aus diesem Verständnis auch eine Bestätigung, dass sie zu Gottes wahren „Übrigen“ zählen.

Die Tatsache, dass es Veith gelungen ist, mit solchen Gedanken zu hausieren und Gehör zu finden, mag viele verblüffen. Der Erfolg ist jedoch nachvollziehbar. Wer mit Veith sympathisiert, fühlt sich als Teilhaber einer versteckten, tiefgründigen Wahrheit. Der Rest der Welt kann diese Wahrheit nicht verstehen, weil er entweder zu ignorant oder zu gottlos ist. Nur diejenigen, die ihn durch diese 36 „amazing“ DVDs begleiten, können am Ende der Reise feststellen, dass nicht die Reichen, die Mächtigen oder die Gebildeten die Auserwählten sind. Sondern die mit Veith übereinstimmen, sind die wirklichen Auserwählten. Sie gehören zu den Auserwählten, weil sie in das Geheimwissen der Endzeit-Ereignisse eingeweiht sind und so irgendwie dem Schleier der Korruption entkommen können, während der Rest der Welt zugrunde geht. Das Evangelium nach Walter Veith ist nichts anderes als eine gnostische Erweckungsbewegung im 21. Jahrhundert.

Quelle: spectrummagazine.org [http://spectrummagazine.org/blog/2011/10/31/dark-fantasy-world-walter-veith]

* Hinweis der Redaktion: Der Text hat gegenüber dem Original folgende drei Veränderungen erfahren:

  1. Ein Absatz wurde umgestellt, so dass er nun am Ende steht und die Bewertung als “gnostische Erweckungsbewegung” das Schlusswort bildet. Diese Umstellung wurde von der Redaktion vorgenommen.
  2. Der Hinweis auf den deutschen Ableger in Eckental wurde von der Redaktion aufgenommen.
  3. Die Kooperation mit YIMC wurde eingefügt.

Zum YIMC: In der Übersetzungsvorlage, war zunächst formuliert, dass die Veith’schen Kongresse der Bewegung „Generation of Youth for Christ“ das Vorbild für den YIMC bilden. Das hielt die Redaktion für eine zu starke Behauptung. Der Satz wurde darauf hin geändert zu: “Die Organisation kooperiert mit dem regelmäßig in Baden-Württemberg stattfindenden ‘Youth in Mission Congress’.”

Die Zusammenarbeit lässt sich z.B. darin erkennen, dass die beiden Leiter von “Generation of Youth for Christ”, Sebastien Braxton und Justin McNeilus, Seminarblöcke beim YIMC anbieten (siehe http://www.yimc.de/YiM—YiMC-2011—Workshops—Justin-McNeilus—Sebastian-Braxton—DEUTSCH_1463.html). Es besteht eine Verbindung zwischen „YIMC“ und „GYC“, da deren Leiter als Referenten fungieren. Justin McNeilus hielt darüber hinaus vor der versammelten Teilnehmerschaft eine Ansprache. Der YIMC hat sie in seiner Mediathek: http://www.yimc.de/Justin%20McNeilus%20-%20Der%20Aufruf%20zur%20Treue_180.html?show=27099

Unter den Ausstellern während des Kongresses befand sich nicht nur „Amazing Discoveries“, sondern auch „GYC France“. Nachfolgend die Liste der Aussteller: 1:1 Projekt, 1Y4Jesus, ADRA Deutschland, Adventist Book Center, Adventist Media Center, AIIAS Philippinen, All power/Prophetie Seminar, Amazing Discoveries, ATS Deutschsprachiger Zweig, Bibelfernkurs IBSI Wien, Bibelschule, Bogenhofen, Buchevangelisation Österreich, Call Wall (Infostand), Come and see, Die Arche, Ellen White Estate GK, Europe 4 Jesus, European Bible School, Evangelist Online, Give Point, GJC (GYC) France, Heimatmission BW, His Hands /Adventist Volunteers, IBSI Darmstadt, Infostand (YIM), Josia-Missionsschule, Jugendseelsorgestand, Krankenhaus Waldfriede, Matteson Bible School, Missionsarbeit in Oberbayern, Missionsbücherstand, Missionsprojekt Honduras, Mitfahrzentrale (Infostand), Musikstand (YIM), Pan de Vida, PEACE, Plant Academy, Prophetie neu entdecken, Salvation and Service, TGM Austria, ThHF Friedensau, United Globe.