Aus einer tiefen Sorge um die Siebenten-Tags-Adventisten in Deutschland wendet sich Dr. Lothar Emil Träder, Schulleiter und Pastor im Ruhestand, in einem offenen Brief an die Führungsverantwortlichen der Freikirche. Die zunehmende Inaktivität in den lokalen Kirchengemeinden und das rückläufige ehrenamtliche Engagement bei der Besetzung der Gemeindedienste sieht Dr. Träder noch als die harmlosesten Indizien der gegenwärtigen Krise. Vielmehr sieht er einen theologischen Kurswechsel, der scheinbar einen Adventismus durchzusetzen versucht, der unter den Gläubigen zur Verunsicherung führt.
Der Freikirche gegenüber loyal eingestellte Persönlichkeiten aus der Gemeindeleitung, dem akademischen Bereich und aus den Führungsebenen haben aus oben beschriebener Sorge im Oktober zusammen mit Dr. Träder das „Karmel Memorandum“ unterzeichnet und der Kirchenleitung in Deutschland überstellt.
Nachfolgend der Wortlaut des Memorandums:
„Karmel Memorandum“
Am Berg Karmel stellte der Prophet Elia eine entscheidende Frage an sein Volk und an die Führung dieses Volkes: „Wie lange hinket ihr auf beiden Seiten?… Und das Volk antwortete ihm nichts.“ (1. Kön. 18,21) Eine ähnliche Situation scheint sich in den deutschen Adventgemeinden zu entwickeln. Es herrscht eine zunehmende Unsicherheit in vielen Fragen, die das religiöse Leben unserer Gemeindemitglieder betreffen. Sie >hinken< um beim Text zu bleiben. Sind wir die >Gemeinde der Übrigen< oder sind wir ein Teil dieser Gemeinde? Subsumiert der Begriff >Babylon< unterschiedliche antichristliche Mächte oder nur die röm.-kath. Kirche? Am Karmel schwieg das Volk Israel. Aber hier und heute meldet sich die „schweigende Mehrheit“ zu Wort. Wir erwarten klare Aussagen zu einigen theologischen Themen und eine konkrete Entscheidung in einer Frage der Organisation. Das ist der Grund für die Abfassung dieses Memorandums.
Es ist offenkundig, dass wir uns als Freikirche in Deutschland in einer kritischen Phase befinden. Immer mehr Adventgemeinden brechen auseinander – manchmal tatsächlich, oft nur ideologisch. Ohne die einzelnen Positionen hier zu bewerten, sind die Folgen für alle sichtbar: Immer mehr Mitglieder sind dabei, die Gemeinde zu verlassen oder gehen zumindest in die innere Emigration. „Bleibt diese Gemeinde noch meine geistliche Heimat?“ Diese Frage ist immer häufiger zu hören.
Gibt es Möglichkeiten, diesen Auflösungsprozess zu bremsen? Die Unterzeichner dieses Memorandums wollen keine „Kirche von Unten“ etablieren. Sie wollen auch keine wie auch immer geartete Bewegung initiieren. Sie sympathisieren auch nicht mit der katholischen >Pfarrer-Initiative< in Österreich „Aufruf zum Ungehorsam“. Sie wollen lediglich die Phase der Unentschlossenheit beenden helfen. Das heißt, es muss jetzt etwas geschehen!
Wer muss jetzt handeln? Hier gibt es eigentlich nur zwei Varianten. Eine Möglichkeit bestünde in der Empfehlung, dass sich alle Kraft auf die Ortsgemeinde konzentriert. Aber diese Lösung ist in vielen Gemeinden schon nicht mehr möglich. Die ideologische Polarisierung ist oft schon zu weit fortgeschritten. Zudem könnten so Gemeinden entstehen, die >theologisches Sondergut< entwickeln und dann kaum noch der globalen Identität adventistischer Gemeinden entsprechen. Bleibt als einzige Alternative der Appell an die Freikirchenleitung in Deutschland.
Wir sind uns der Tatsache wohl bewusst, dass die Gremien mit Leitungsfunktion für Deutschland Teil der Organisation der adventistischen Weltkirche sind. Aber gerade diese Tatsache verstärkt die Spannungen in den Gemeinden und Dienststellen in Deutschland, weil wir den Eindruck haben, dass die gegenwärtige Weltkirchenleitung eine theologische Kursänderung anstrebt. Trotzdem sehen wir keinen anderen Weg, um die Konflikte in Deutschland zu entschärfen, als eine Phase klarer theologischer Positionierungen und konkreter organisatorischer Entscheidungen. Das erfordert nicht nur Mut, sondern vor allem die Leitung durch den Heiligen Geist. Beides setzen wir in den Leitungsgremien unserer Freikirche voraus.
Worauf beziehen sich unsere aktuellen Erwartungen an die Freikirchenleitung? Wir schneiden keine Grundsatzthemen an, da hier weit gehend Konsens herrscht. Aber es gibt Teilthemen, die zur Zeit besonders heftig umstritten sind. Dabei geht es um biblische Begriffe, denen wir Adventisten eine spezielle Deutung unterlegt haben. Hier herrscht Klärungsbedarf. Wir erwarten nicht, dass sich die Freikirchenleitung als letzte theologische Instanz versteht und autoritativ eine bestimmte Deutung als verbindlich erklärt, sondern wir wünschen uns, dass die Freikirchenleitung konkrete Aufgaben an unsere Theologen in Deutschland vergibt. Sie sollen einfache, klare, biblisch begründete Texte schreiben, die dann als theologische Aussagen unserer Freikirche in Deutschland gelten und in geeigneter Form publiziert werden. Damit wäre der erste Schritt getan, um diese Positionen dann evtl. anlässlich einer Delegiertentagung der Generalkonferenz beschließen zu lassen. Zusätzlich geht es um eine überfällige Organisationsentscheidung.
I Die Erwartungen aus dem Bereich der Theologie:
- Da viele Forschungsarbeiten unserer Theologen die Gemeindeöffentlichkeit noch nicht ausreichend erreicht haben, sind zu folgenden adventistischen Teilthemen biblisch begründete Aussagen zu veröffentlichen:
- Was bedeutet „Babylon“?
- Was meint der Begriff „Sichtung“?
- Wer oder was ist die „Gemeinde der Übrigen“?
- Welche Bedeutung hat der „Spätregen“?
- Welche Aspekte der adventistischen „Heiligtumslehre“ bleiben aktuell und welche können als historisch gelten?
- Wir halten es außerdem für dringend angebracht, dass unsere Freikirchenleitung eine aktualisierte, gekürzte Fassung des Buches „Der große Kampf“ erstellen lässt, die sich als Verteilmaterial in Deutschland eignet.
II Wir erwarten eine Entscheidung im Bereich der Organisation:
Bezogen auf die Verhältnisse in Deutschland geht es hier eigentlich nur um ein Thema: Die Bildung einer zentralen Dienststelle für ganz Deutschland. Seit Jahren haben sich verschiedene Kommissionen und Arbeitskreise mit diesem Thema befasst. Fast alle sind einhellig zum selben Schluss gelangt: Sie empfehlen die Zusammenlegung der beiden deutschen Verbände zu einer Dienststelle. Die Zeit des Prüfens dürfte endgültig vorbei sein – die Fakten liegen seit langem auf dem Tisch. Da es kaum noch ernst zu nehmende Gründe gibt, einer Verschlankung unserer Verwaltung zu widerstreben, erwarten wir rasches Handeln.
Die vorliegenden Empfehlungen der entsprechenden Kommissionen, die Höhe der Mitgliederzahl (die im Weltfeld etwa einer Vereinigung entspricht), die neuen technischen Hilfsmittel für die Büroarbeit und die Chance, endlich zeitnah zu aktuellen Fragen mit einer Stimme sprechen zu können, veranlasst uns zu der dringende Bitte: Vereint endlich bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit die beiden deutschen Verbände zur „Freikirche in Deutschland“! Der Leitungsausschuss unserer Freikirche (FiD) sollte die entsprechenden Anträge für die nächsten Delegiertenversammlungen der Verbände vorlegen.
Wir stehen loyal zu unserer Freikirchenleitung, und gerade deshalb unterzeichnen wir diesen Text. Nicht alle Unterzeichner gewichten die einzelnen Forderungen dieses Manifests gleich. Es gibt unterschiedliche Bewertungen der einzelnen Teile, aber das Anliegen insgesamt findet unsere volle Unterstützung.
Mehr dazu auf EANN: http://www.eann.de/memorandum-von-80-leitenden-adventisten-fordert-theologische-positionsbestimmung-ihrer-freikirche/10770/




