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40 Jahre adventistische populäre Musik in Deutschland

27. März 2008

Um es vorweg zu nehmen: sie ist noch nicht ganz dort angekommen, wo sie hingehört, aber sie hat es fast geschafft! Es war auch wahrlich kein einfacher Weg, den sie in unserer Kirche zurücklegen durfte. Trotz aller Unkenrufe, Diffamierungen; trotz aller Be­denken und erbitterter Widerstände: sie hat es fast ge­schafft! Aber eben nur fast.

Mir blutet das Herz, wenn ich an all diejenigen denke, die mit ihrer Musik, die noch nicht mal als Rebellion gedacht war, regelrecht aus der Kirche geekelt wurden oder in der milderen Variante Hausverbot (!) in ihrer Lokalgemeinde bekommen haben.

Gelassener wird man bei einem flüchtigen Blick in die Geschichte: Durch die Jahrhunderte war der Chor derjenigen, die eigene Unkenntnis der Materie als moralische Bedenken kaschierten, die eigene ästhetische Präferenzen bestenfalls als pädagogische Abwehr, schlimms­­tenfalls als Willen Gottes ausgaben, immer schon sehr laut, zu laut. Daran hat sich bis heute nichts geändert – immer wieder begegnen mir Menschen, die genauestens wissen, welche Musik Gott mag und welche nicht; die moderne christliche Musik als Beleidigung des guten Geschmacks und eine Übertretung göttlicher Prinzipien deuten.

Bezeichnend ist, dass Kirche auf die Entwicklung neuer musikalischer Formen und Stile fast immer mit Abwehr, mit Verdikten und Verboten reagiert hat. Auch daran hat sich bis heute so gut wie nichts geändert. Es scheint eine Gesetzmäßigkeit der (Musik)-Geschichte zu sein, dass Neuerungen so gut wie nie ihren Ur­sprung im Elfenbeinturm haben, sondern eher von der Peripherie, oder anders ausgedrückt, nicht von der Kirchenleitung, sondern eher von engagierten „Laien” initiiert werden.

Bezüglich der adventistischen populären Musik ist das nicht anders. Es waren nicht Pastoren, nicht Administratoren und schon gar nicht Musikfachleute, die die ersten zaghaften Versuche wagten, populäre Musik in das gottesdienstliche Geschehen zu integrieren. Diejenigen dieser Protagonisten, die heute überhaupt noch in der Gemeinde sind, können im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied von ihren damaligen Erlebnissen singen. Gott sei es gedankt, es gab aber auch immer wieder Verantwortungsträger, die dafür Räume geöffnet haben, die sich für populäre Musik stark einsetzten, ungeachtet der Konsequenzen. Hätte es diese Visionäre nicht gegeben, würden viele adventistische Musiker und Musikerinnen vermutlich heute noch – immer vorausgesetzt, sie wären überhaupt noch dabei – im Untergrund agieren.
Meilensteine der Popularmusik

Die Anfänge verlieren sich irgendwo in den 1960er Jahren, wo Einzelne begannen, ihren Glauben mittels populärer Melodien auszudrücken. Was damals als subversiv, revolutionär galt, als Bedrohung des adventistischen Glaubens gesehen wurde – darüber würden heute selbst hartgesottene Fundamentalisten müde lächeln.

In den 1970er Jahren, in der ehemaligen DDR, in den 1980er Jahren in der damaligen Bundesrepublik, fing man auch auf institutioneller Ebene an, darüber nachzudenken, Jugend-Singwochen, Musik-Freizeiten, Gitarren-Bibelwochen und dergleichen anzubieten, bei denen vor allem populäres Liedgut im Vordergrund stand. Gospelnights, Konzerte, Festivals wurden organisiert – auch mit überregionalem Charakter. Es mutet daher fast wie eine Reaktion der Kirchenleitung auf diese Entwicklung an, wenn im Jahr 1981 eine „Anhörung zur Musikerziehung” im Bergheim Mühlenrahmede einberufen wurde. Auf einer breiten Front wurden Referate von Fachleuten präsentiert, einigen ist jedoch die Abwehrhaltung gegenüber der populären Musik deutlich anzumerken: Instrumente wurden seitenweise auf ihre Tauglichkeit für den adventistischen Gottesdienst hin untersucht, es wurde ein „Advent-Stil” in der Musik gefordert, was auch immer das sein mochte.

Die Entwicklung ging jedoch weiter. Die moderne christliche Musik kam immer mehr aus ihren Nischen heraus. Sie hatte in den 80er Jahren mehr und mehr ihre „missionarische Legitimation” verloren, sie wurde zum authentischen Ausdruck des Glaubens- und Lebensgefühls einer ganzen Generation. Jugendchöre, Solisten, Bands fanden mehr und mehr Akzeptanz. Die Stimme der Hoffnung machte erste Aufnahmen mit moderner christlicher Musik – oder jedenfalls, was man für modern hielt. Auch qualitativ entwickelte sich die Szene weiter und mündete in den 90er Jahren in eine fortschreitende Professionalisierung und Diversifizierung. Auch der stilistische Fächer weitete sich immer mehr. Waren die Anfänge eher in der Liedermacher- und Gospel-Ecke anzusiedeln, kamen nun neue Stile hinzu – Pop, Rock, Jazz, Rap u.a. Eine immer größer werdende Schar von ambitionierten Laien sowie Semi- und Voll-Profis gaben der adventistischen populären Musikszene noch einmal einen kräftigen Schub nach vorne.

Selbstverständlich blieben auch die immer wiederkehrenden Versuche, dieser Musik alle möglichen Vorwürfe anzuhängen – bis hin zu okkulten Einflüssen – nicht aus. Selbsternannte Propheten – unter ihnen Ex-Rock-Musiker und Ex-DJ’s wurden nicht müde, vor den verheerenden Einflüssen dieser Musik zu warnen. Sie fanden und finden immer wieder Gehör. Dass nach ihren Vorträgen Gemeinden und Jugendgruppen regelrecht gespalten und zerstritten sind, scheint nicht zu interessieren. Die Sichtung ist an der Stelle ein gern zitiertes Standard-Argument.

Eine rühmliche Ausnahme – weil von institutioneller Seite initiiert – ist das Seminar für Popularmusik, das Mitte der 1990er Jahre von der Theologischen Hochschule Friedensau ins Leben gerufen wurde. Es hat sich sehr schnell zu einem zentralen, nicht mehr wegzudenkenden Katalysator, Treffpunkt, Ideengeber, Motivator, Förderer der populären adventistischen Musikszene entwickelt. Es gibt unzählige junge und jung gebliebene adventistische MusikerInnen, die auf diesem Seminar fachlich weitergekommen sind, ihren Horizont im Verstehen dessen, was moderne christliche Musik vermag, erweitert haben; die andere MusikerInnen kennengelernt haben, Netzwerke knüpften, die dieses Seminar einfach nicht mehr missen möchten.

Fairerweise sollte man hier erwähnen, dass die Freikirche zu Zeiten der ehemaligen DDR auch von offizieller Seite etwas für die Popularmusik getan hat. Bereits in den 1970er Jahren gab es von der Bildstelle Friedensau erste Aufzeichnungen populärer Musik, es gab Jugendgottesdienste, die von der Vereinigung organisiert wurden.

Als Pendant zum Seminar für Popularmusik – aber im Gegensatz dazu zu­nächst aus einer Privatinitiative entstanden –, sei hier das Marienhöher Musikfestival genannt. Es gab und gibt in den verschiedenen Regionen auch andere Festivals, die einen großen Beitrag zur adventistischen populären Musik geleistet haben und es weiterhin tun. Aber keines hat nach meiner Beobachtung eine so große Ausstrahlung, vereint Musiker aus Ost und West, Nord und Süd, ist ein so zentraler Treffpunkt und hat eine so große Breitenwirkung wie dieses Festival.

Wo stehen wir heute? Wo geht die Entwicklung hin? Das lässt sich nicht so genau sagen. Positiv anzumerken ist, dass die adventistische populäre Musik fast auf allen Ebenen und Breitengraden zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist. Sie wird sich weiter etablieren und diversifizieren. Sie hat es nicht immer leicht gehabt, sie hat sich ihren Stand hart erkämpft und sie wird die eine oder andere Hürde noch nehmen müssen.

Sie ist fast angekommen. Vielleicht wird eines Tages mein Traum wahr, und sie kommt ganz an. Wenn der Ortsprediger (und nicht nur er) aufhört, gegen dieses oder jenes neue Liederbuch zu wettern. Wenn der Jugendliche sich nicht mehr entschuldigen muss, dass er das Lied mit einer E-Gitarre, statt mit einem Harmonium begleitet. Wenn der Schlagzeuger sein Schlagzeug im Gottesdienst nicht mit einem Tuch abdecken muss. Wenn wir aufhören, Pamphlete zu verfassen, die moderne christliche Musik als Werk des Teufels brandmarken. Wenn ich in meiner Gemeinde nicht vor den Ausschuss zitiert werde, weil ich zur Untermalung einer Pantomime Musik aus den Charts genommen habe. Wenn tradierte Musiker gemeinsam mit Popularmusikern Projekte aufziehen. Wenn die Musik, die heute das Lebens- und Glaubensgefühl von Millionen ausdrückt, nicht mehr angefeindet und stigmatisiert wird. Wenn ich ein Paul-Gerhardt-Lied mit einem Beat unterlegen darf, ohne als Gotteslästerer hingestellt zu werden. Wenn … wenn … wenn …

Vielleicht bleibt das alles nur ein Traum – vielleicht aber auch nicht.

(Quelle: Erhard Dan / Dialog)

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